Innovative Kunst- und Ausstellungsprojekte

Dienstag, 24. Oktober 2017

Die Kunst des Liegenlassens


Wo gehobelt wird, da fallen Späne, sagt der Volksmund und selten ist des Volkes Stimme so treffgenau, wie in diesem Fall, denn sowohl im übertragenen als auch im direkten Kontext ist diese Aussage häufig und völlig korrekt anwendbar.
 
Denn auch in der bildenden Kunst findet dieser Spruch seine Richtigkeit. Es geht dabei nicht so sehr um die wirklichen Abfälle künstlerischer Tätigkeit, die tatsächlichen "Späne" also, denn diese werden nicht mehr benötigt und entsprechend entsorgt. Vielmehr geht es um die Produkte künstlerischen Schaffens, welche begonnen aber nicht fertiggestellt wurden, sei es aus Gründen eines (vorübergehenden) Inspirationsmangels oder der Künstler hat das Werk komplett verworfen, will es aber nicht entsorgen, weil das Material oder ganze Teile des Werkes in einem neuen  Kontext Verwendung finden sollen. In beiden Fällen stellt sich zum einen die philosophische Frage, ob es sich bei einem unvollendeten Werk bereits um Kunst handelt und – wenn ja – ab welchen Zeitpunkt der Bearbeitung ein Werk zur Kunst wird, zum anderen stellt sich die weitere Frage nach dem Wohin. Die erste Frage möge an dieser Stelle unbeantwortet bleiben und sei dem geneigten Leser Anlass zur eigenen Reflektion. Der zweiten Frage, nach dem Wohin, muss sich jeder Künstler selbst stellen, denn für so manchen Künstler mit einem Atelier in einer Großstadt mag der Bedarf an geeigneter Lagerfläche durchaus ein Problem darstellen.
 
Großzügig ausgestattet sind in diesem Zusammenhang die Studierenden der Kunstakademie Nürnberg. An den Rückseiten der Ateliers ist genügend Platz, um Unvollendetes, Verworfenes und sonstige Materialien zu stapeln. Auch findet man Schuppen, welche ebenfalls zu diesem Zweck genutzt werden können. Des Weiteren ist das gesamte Gelände groß genug, um sich einen zusätzlichen Arbeitsplatz im Freien zu schaffen oder das ein oder andere Werk der Natur und ihren Prozessen zu überlassen. BeeJay Art Projects hat einen Besuch der Akademie anlässlich der AbsolventINNEN Ausstellung genutzt, um sich nicht nur die offiziellen Werke der Studierenden anzusehen, sondern auch, um einmal über das Gelände, abseits der üblichen Besucherwege, zu streifen. Gefunden wurde Unvollendetes, Verworfenes, vermeintlich Fertiges, nicht mehr Benötigtes und Zwischengelagertes, entweder ordentlich gestapelt oder zufällig herum liegend. Das Konvolut wirkte in seiner Zufälligkeit teilweise poetisch und bot dem offenen Geist aufgrund der unklaren Intension des einzelnen Objektes in seiner Gesamtheit einen schier unendlichen Freiraum für Assoziation und Inspiration. Und nun ist BeeJay Art Projects doch wieder bei der obigen philosophischen Frage angelangt, ab welchen Bearbeitungsstand das Werk eines Künstlers denn tatsächlich Kunst ist. Die Antwort scheint zu heißen, dass es keinen spezifischen Zeitpunkt gibt, denn schon das pure Herumliegenlassen eines Objektes durch einen Künstler kann dieses Objekt zur Kunst oder zum Teil eines Kunstwerkes machen.
 
Wenn nun der geneigte Leser fragt, was denn eigentlich mit der nur kurz erwähnten AbsolventINNEN Ausstellung war und warum denn nichts dazu an dieser Stelle zu lesen ist, so sei nur so viel gesagt, dass sich auch in dieser Hinsicht der Besuch in Nürnberg durchaus gelohnt hat, jedoch ansonsten auf zukünftige Blogs verwiesen wird.


 

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